Weihnachten

Das war der schlimmste Heiligabend in seinem Leben gewesen. Schlimmer noch als der, an dem er zum ersten Mal allein gewesen war. Als er mit Sekt und Zigaretten vor dem PC gesessen hatte und seine Fantasie in Form von Gedichten und Geschichten wiederfand.
Es war ja ok, daß sie sich gegenseitig nichts schenkten. Aber er bekam an Heiligabend nicht mal einen Kuß!
Sie saßen bei Freunden. Zwar nebeneinander, aber nicht zusammen. Keine Geste, keine Berührung ließ ihre Zuneigung erkennen. Wenn sie denn noch da war. Und mit traurigem Herzen sah er, wie sich die Freunde küßten und wie sie turtelten. Obwohl auch da nicht immer alles in Ordnung war.
Am anderen Morgen war er, wie oft in der letzten Zeit schon früh wach. Und die Gedanken kamen. Mal schlichen sie sich vorsichtig heran, wenn er an etwas anderes dachte. Mal hätte er laut aufschreien können, weil sie mitten in seinem Kopf explodierten. Er stand auf, duschte, drehte sich eine Zigarette und ging auf die Veranda. Er war am Ende seiner Kraft. Sie tat ihm weh. Allein durch ihre Anwesenheit. Weil sie NICHTS tat. Kein Wort, keine Geste! Nichts was ihre Liebe, ihre Zuneigung erkennen ließ. Kein Kuß, außer wenn einer von ihnen sich verabschiedete. Er war derjenige, der ihre Beziehung am Leben erhielt. Der sich bemühte, mit allem was er hatte. Sie saugte ihn aus. Er war fast leer. Wie konnte man leben ohne Zärtlichkeiten zu geben und zu wollen? Aber er liebte sie. Sie war das Wichtigste in seinem Leben. Das war der Grund, weshalb er noch nicht aufgegeben hatte. Denn irgendwo im hintersten Winkel seines Gehirns glomm noch ein Funken Hoffnung. Und so lange dieser Funken noch da war, konnte er nicht aufgeben. Ein Schmerz durchzuckte seine Finger. Der Rest der Zigarette hatte ihn verbrannt. Reflexartig ließ er sie fallen. Hob sie aber dann vorsichtig auf und drückte sie in den Aschenbecher auf dem Tisch.
SIE war noch immer nicht aufgestanden. Er konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt gemeinsam aufgestanden waren. Aber er konnte sich noch gut erinnern, daß sie früher den Wecker auf eine Uhrzeit eingestellt hatten, die es ihnen erlaubte, noch eine Weile liegen zu bleiben und zu schmusen.
Alles hatte sich geändert. Sie hatte sich verändert. Und wieder spürte er, wie sehr er ihre Nähe vermißte. Den Duft ihrer Haut. Die Berührung durch ihre Hände. Die kleinen Küßchen zwischendurch. Das Herumalbern. Einfach diese Ungezwungenheit der Zeit, in der sie sogar ohne Fernseher ausgekommen waren.
Wie aus einem Traum erwacht, fand er sich immer noch auf der Veranda stehend wieder. In den Garten starrend. Er drehte sich erneut eine Zigarette, als er Geräusche aus dem Haus hörte. Anscheinend war sie aufgestanden. Gleich kam sie mit einer Tasse Kaffee und einer Zigarette heraus. Er war auf ihre Reaktion gespannt.
Als sie dann vor ihm stand, mußte er ihr einfach einen Kuß geben. Sie sah hinreißend aus. Doch noch während er sie küßte, sprach sie weiter und so küßte er ihren offenen Mund. Und keine Spur in ihrem Verhalten deutete daraufhin, daß ihr bewußt war, wie er litt.
Aber vielleicht war es ihr ja auch egal. Vielleicht war das alles vorher nur ein Strohfeuer gewesen. Ein heftiges zwar, aber eben nur eine Episode, ein Mißverständnis. Und dieses Feuer war nun am Erlöschen. Und nur die Gewohnheit oder die Bequemlichkeit ließ sie noch bei ihm bleiben. Denn sie vergab sich ja nichts. Es war ein Zusammenleben ohne Körperlichkeiten. Und ein oder zwei Küsse am Tag, was machte das schon.
Sicher trug auch er ein Maß Schuld an dieser Situation. Hatte, zwar auf weiche Weise, versucht seinen Willen durchzusetzen, seine Wünsche. Aber er hatte sich geändert. Er wollte so sein, wie er sich eigentlich immer selber sah. Und zumeist klappte dies auch. Nicht mehr der harte Kotzbrocken aus früheren Zeiten, sondern ein romantischer Träumer.
Sie sah ihn fragend an. Hatte sie etwas zu ihm gesagt? Sie schüttelte den Kopf und verließ die Veranda. Er folgte ihr und hört, wie sie ins Bad ging. Er betrat die Küche. Stellte die Kaffeemaschine aus und schritt weiter ins Wohnzimmer. Aus einem Impuls heraus trat er an den Weihnachtsbaum um die Beleuchtung einzuschalten. Er drehte eine bestimmte Kerze in die Fassung. Der Stromschlag ließ ihn zusammenzucken. Er machte einen Schritt rückwärts, stolperte über die Teppichkante und schlug mit dem Hinterkopf auf dem Tisch auf.
Als sie, aufgeschreckt durch das Gepolter, das Zimmer betrat, atmete er schon nicht mehr.