Suchen und Finden

Er hatte eigentlich gar nicht gewusst, dass er auf der Suche war. Wie auch. Er hatte eine Familie. Hatte eine Frau, die er glaubte zu lieben. Vielleicht liebte er sie sogar. Er hatte einen Sohn, auf den er sehr stolz war. Hatte bisher alles für ihn getan. Kam immer an erster Stelle. Aber zufrieden, zufrieden war er nie richtig gewesen.
In den letzten Jahren hatte diese Unzufriedenheit zugenommen. Bis, ja, bis er diese Frau kennenlernte. Sie gab ihm alles, was er, ohne es zu wissen, über all die Jahre vermißt hatte.
Sie konnte zärtlich sein. Sie konnte leidenschaftlich sein. Sie ließ auch seine Zärtlichkeiten zu, sehnte sich sogar danach. Wie er sich nach ihren. Sie sahen sich nicht so oft. Und die Zeit verflog immer viel zu schnell. Sie waren sich einig, beide die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben.
Aber es war schwierig. Sehr schwierig. Sie war ebenfalls gebunden. Hatte, wie auch er immer geglaubt hatte, seine Traumfrau geheiratet zu haben, ihren Traummann geheiratet. Und beide wußten, entweder konnten sie für immer zusammen bleiben, oder die Liebe würde sie verbrennen.
Liebe Leser, ihr ahnt sicher was kam. Das Glück war tatsächlich nur von kurzer Dauer. Sie hatte, wenn auch nur unterbewußt, eine Entdeckung provoziert. Hatte gehofft, ihr Mann würde sie dann verlassen, denn sie wollte diese Entscheidung nicht treffen. Doch es kam anders. Ihr Mann klammerte sich verzweifelt an sie. Ließ sie nicht gehen, blieb.
Die nächsten Wochen waren grausam. Der Schmerz wollte nicht vergehen. Sie sahen sich trotzdem, wenn auch auf andere Weise. Die Gefühle versiegten nie. Irgendwann sahen sie sich nicht mehr. Der Kontakt brach ab.
Mittlerweile hatte er sein Leben komplett verändert. Hatte sich von seiner Familie getrennt, lebte allein. Hatte sich eine kleine Existenz aufgebaut, mit Erstellung und Betreuung von Webseiten im Internet. Die Jahre vergingen. Unglückliche Jahre.
Seine Freunde, die wenigen, die seine wirklichen Freunde waren, nahmen seine Veränderung zur Kenntnis, akzeptierten sie. War er früher lustig, witzig, immer zu Späßen aufgelegt, war er nun schweigsam, in sich gekehrt. Lachte selten. Sah keine anderen Frauen, lebte wie ein Eunuch.
Seine kleine Firma hielt sich gut. Er konnte sie ausbauen. Sein Sohn stieg ein. Er lehnte sich immer öfter zurück und ließ ihn machen.
Eines Tages kam ein neuer Auftrag. Ein großes Gestüt. Sein Sohn befand sich im wohlverdienten Urlaub. Also machte er sich auf den Weg, den Kunden zu besuchen, den Auftrag zu besprechen. Es war kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag.
Eigentlich mochte er keine Pferde. Hunde, Hunde ja. Er hatte immer einen gehabt. Schäferhund, Mischling, Rottweiler. Er kannte sich damit aus. Aber Pferde waren für ihn ein Buch mit sieben Siegeln.
Er fuhr auf den großzügig angelegten Hof. Stellte sein Auto ab und betrat die Eingangshalle. Niemand da. Nur am Ende des Flures eine Rollstuhlfahrerin, die von einem Zimmer ins andere wechselte. Er wartete einen Augenblick, dann schritt er auf die Tür zu, hinter der die Frau verschwunden war. Vielleicht konnte sie ihm weiterhelfen.
Er klopfte. Wartete auf das Herein und betrat den Raum. Die Rollstuhlfahrerin saß hinter ihrem Schreibtisch, ihm den Rücken zugewandt. Er grüßte und trat näher. Die Frau drehte sich um. Sie war es. Sie war es tatsächlich.
Der Raum schien sich um ihn zu drehen. Ihre Augen, wunderschöne große Augen, wurden noch größer. Ein Kloß in seinem Hals ließ kein Wort heraus. Auch sie starrte ihn wortlos an.
Sie hatte sich verändert, aber nicht sehr. Das mittlerweile leicht angegraute Haar kürzer. Eine modische Brille auf der Nase. Sie sah gut aus. Früher eine Schönheit, sah sie heute noch immer gut aus.
Wortlos rollte sie in ihren Stuhl um den Schreibtisch herum auf ihn zu, gab ihm die Hand. Er nahm sie zärtlich, wollte sie gar nicht mehr loslassen. Sie ließ es geschehen. Der Kloß im Hals wollte nicht verschwinden. Tränen stiegen ihm in die Augen.
Endlich brachte er ein Wort über die Lippen: „Hallo“. Noch immer hielt er ihre Hand. „Setz Dich doch“, sagte sie. Er ließ ihre Hand los und setzte sich auf einen freien Stuhl. Die Tür öffnete sich, und eine junge, gutaussehende Frau betrat das Zimmer. „Stör ich?“ fragte die junge Frau. „Nein“, sagte die Ältere und: „Das ist er“. Sie deutete mit dem Kopf auf ihn. Jetzt fiel es ihm auf. Die Ähnlichkeit. Die junge Frau war ihre Tochter. Sie starrte ihn an, lächelte und verließ den Raum.
„Was ist eigentlich passiert“, fragte er in Richtung der älteren Frau. „Das ist eine lange Geschichte“, gab diese zurück, „ich versuche es kurz zu machen“. „Wir hatten vor fünf Jahren einen Autounfall. Mein Mann ist tot, ich sitze im Rollstuhl“.
Der Mann stand auf. Nahm ihre Hand, streichelte ihr übers Haar. Sie sahen sich in die Augen. Es war, als hätten sie sich nie getrennt.