März

Einsam marschierte er durch die Straßen des kleinen Ortes. Es war eisigkalt. Viel zu kalt für Mitte März. Der Schnee fiel in dicken Flocken und die Straßen und Bürgersteige waren gefährlich glatt.
In seinem Kopf dieses Hamsterrad, in dem sich seine Gedanken unaufhörlich drehten. Unterbrochen nur durch schöne Erinnerungen, die sich dazugesellten, und es ihm noch schwerer machten.
Er war allein. Freunde hatte er nicht mehr. Die hatten ihn nach seinem ersten und bisher einzigen Suizidversuch verlassen. Wer wollte auch schon befreundet sein, mit jemandem, der keinen anderen Ausweg aus seinem Leben sieht als den Tod.
Mehr als eine Stunde war bereits vergangen und seine Ohren und seine Stirn waren unterkühlt. Langsam richtete er seine Schritte nach Hause. Nach Hause, was für ein Hohn.
Schön hatten sie es sich gemacht.
Schön, attraktiv und gemütlich. Aber nun gab es kein UNS mehr. Und dies führte ihm die Sinnlosigkeit des Lebens wieder einmal vor Augen.
Schwer war die Woche gewesen. Und oft wollte er nur noch schlafen, um nicht mehr denken zu müssen. Er hatte keine Kraft mehr. Er hatte soviel Kraft gebraucht, verbraucht, vergeudet in den letzten vier Jahren. Nun war er leer. Sicher, irgendwo kamen immer noch Reserven her, aber wie lange noch?
Er war eigentlich aufgebrochen, um mit jemandem zu reden. Über seinen Zustand. Reden über diese Abwärtsspirale in der er sich befand. Die nur mit einem neuerlichen Versuch enden konnte, für immer zu schlafen. Aber immer wenn er vor einem Haus stand, wo er hätte hineingehen können um zu reden, verharrte er auf dem Hof um sich dann umzudrehen und weiter zu schlendern. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, die Hände tief in den Jackentaschen.
Jetzt, hier am Rechner, dachte er an die Tabletten, die griffbereit in der Schublade lagen. Schon länger lagen. Aber er hatte sich bisher noch nicht getraut. Es war wohl ein Unterschied, darüber nachzudenken und dann zu handeln, als ohne Überlegen zu handeln. Wie damals.
Gedankenverloren sah er auf die Uhr. Erst zwanzig Minuten hier und nun schon das zweite Glas Rotwein. Fehlte nur noch, daß er das Rauchen wieder anfing. Aber die Zigaretten schmeckten ihm Gott sei Dank nicht mehr.
Er hatte seit mittags nichts mehr gegessen und merkte, wie der Alkohol bereits seinen Kopf erreichte und dieses verdammte Hamsterrad bremste. Lethargie machte sich dafür breit.
Das dritte Glas Wein und das Hamsterrad geriet ins Schlingern. Und dennoch ragte ein Gedanke hervor. Das war der Gedanke, den er gefürchtet hatte (vielleicht auch herbeigesehnt hatte). Es gab keine andere Lösung. Er mußte gehen. Er konnte nicht in das alte Leben mit IHR zurück.
Sein Blick wanderte über den Schreibtisch.
Zwei Abschiedsbriefe hatte er gestern schon geschrieben. Für alle Fälle. Ha, Ha. Würde er sie je weitergeben? Würde er je den Mut finden? Was war er doch für einen Hasenfuß. Immer nur davon reden. Immer nur Gründe suchen, damit er es nicht tun mußte.
Aus einem Impuls heraus stellte er das gerade gegriffene Glas wieder an seine Stelle. Seine Hand, die gerade hinter sich greifen wollte, verharrte in der Luft. Der Gedankenfunke war erloschen.
Trotz seinem nun doch benebelten Gehirn war er sich der Schizophrenie der Situation bewußt. Einerseits bereitete er seinen Tod vor (wenn auch in Gedanken), anderseits steuerte er gerade die Website von Ebay an, um sich nach einem neuen Bett umzusehen. Gut, es war schizophren. Aber irgendwo hinten, ganz weiter hinten (irgendwo dort, kurz bevor der Hinterkopf aufhört), befand sich noch Hoffnung. Hoffnung auf eine Wiederbelebung der Beziehung. Das es einen Neuanfang gab. Ohne diese Hoffnung, die mal stärker, mal schwächer, mal kaum vorhanden war, hätte es ihn längst nicht mehr gegeben. Die Hoffnung war das Einzige was ihn noch in diesem Leben hielt.
Die Flasche war leer. Sein Kopf noch immer nicht. Zwar fuhren die Gedanken nicht mehr Hamsterrad, dafür aber Achterbahn. Fantasiegespinste. Was, wenn sie schon einen Anderen hätte? Eifersucht! Obwohl sie doch gar nicht mehr zusammen waren! Angst! Davor, das es tatsächlich absolut zu Ende war. Das es kein zurück mehr gab. Denn dann gab es für ihn auch keine Ausreden mehr.
Wieder schwemmte ein Welle Erinnerungsfetzen über ihn hinweg. Brachen in sein wehrloses Herz ein und ließen es verkrampfen vor der Wucht des Schmerzes. Sie konnte es ihm am Anfang ihrer Beziehung nicht sagen: Ich liebe dich. Statt dessen sagte sie: Aber ich kann es fühlen. Und ich sage dann: Jetzt zum Beispiel.
Und jetzt zum Beispiel war es an der Zeit. Er spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte. Im Hinterkopf machte sich der Gedanke breit, einfach hinlegen, die Tabletten nehmen und für immer schlafen. Es war so einfach.
Er schaltete den Bildschirm aus. Lies jedoch die Lautsprecher an, denn die Musik war schön. Nahm die Schachteln aus der Lade und sah sie lange an. Nahm dann 3 Stück heraus und legte die anderen zurück. Wieder eine Chance verpaßt, schrie irgend etwas in ihm.