(K)eine alltägliche Geschichte

Mit einer Zigarette in der Hand saß er vor seinem PC. Die wievielte heute morgen schon, er wusste es nicht. Er zählte nicht mehr. War ja auch egal, wie alles.
Die letzten drei Monate waren mit Urgewalt über ihn hinweggerollt.
Von einer inneren Unruhe getrieben stand er auf und wanderte durch die Wohnung. Aber er fand sie nicht. Sie war nicht hier. Sie war nie hier.
Jeden Tag hatte sie ihm ihre Liebe geschworen. Und er spürte noch immer ihre Küsse. Die zärtlichen. Und die leidenschaftlichen, fast an Verzweiflung grenzenden Küsse, mit denen sie ihn fast erstickte. Und oft atmete er den Duft ihres Körpers ein und dann drehte er sich erschrocken um. Sie war nicht da. Sie war nie da.
Sie war verheiratet. War, als die Sache aufflog, bei ihrem Mann geblieben. Eine zweite Chance nannte sie es. Ihm gab sie keine. Oder doch? Er litt.
Manchmal saß er nur da, bis die Tränen kamen. Oder irgend jemand kam, oder anrief, mit dem er sprechen konnte. Obwohl er sie eigentlich nur nervte.
Von seinen vielen Bekannten war keiner geblieben. Aber neue Freunde hatte er gewonnen. Wirklich Freunde! Aber verstehen konnte ihn keiner. Wie auch. Es gab keine Worte, mit denen er hätte beschreiben können, wie tief die Beziehung in nur fünf Wochen gewesen war. Eine neue Sprache erfinden, hatte er mal gesagt. Die nächste Zigarette.
Weihnachten war vorbei. Mit einer Flasche Sekt und einer Schachtel Zigaretten hatte er den Heiligabend vor dem PC verbracht. Hatte sich betäubt. Wirklich geholfen hatte es nicht.
Immer wieder kehrten seine Gedanken zurück an den Punkt, der ihn nicht weiterbrachte.
Warum tat sie ihm das an, wenn sie ihn liebte? Warum nahm sie ihrem Mann den Schmerz und reichte diesen an ihn weiter? Noch eine Woche bis er sie wiedersah!
Der Tod hatte schon immer eine große Rolle in seinem Leben gespielt. Er hatte keine Angst vor ihm. Aber er hatte immer Angst gehabt vor dem Sterben. Das war vorbei. Manchmal wünschte er sich, einzuschlafen und nicht wieder aufzuwachen. Aber sich selber den goldenen Schuß zu versetzen? Wie konnte sie dann weiterleben?
Die Gedanken schweiften wieder ab. Was sie wohl gerade tat oder dachte? War sie glücklich? Sicher nicht. Konnten diese tiefen, nicht zu beschreibenden Gefühle absterben? Sie hatte ihm gesagt, einmal noch, einmal noch sage ich Dir, daß ich dich liebe. Dann nicht mehr. Du sollst wissen, daß es wenigsten einen Menschen auf dieser Welt gibt, der Dich liebt. Seitdem war Schweigen.
Er würde für sie sterben. Obwohl? Was brachte das? Dann waren sie wieder getrennt!
OK, eine Woche noch. Er würde sie in die Arme nehmen und ihr sagen, daß er die Welt umarmen könne, weil er sie wiedersähe. Und das er sie so sehr vermißt hätte. Ihre Reaktion? Er konnte sie sich nicht ausmalen.
Die Woche verging. Mal quälten sich die Zeiger über die Uhr. Mal war er erstaunt, daß wieder ein Tag verstrichen war.
In der Nacht vor ihrem ersten Wiedersehen konnte er nicht schlafen. Unruhig warf er sich von einer Seite auf die andere. Stand auf, trank eine Tasse Tee und rauchte. Hörte Musik, die auch sie so gerne hörte. Blätterte in seinem Notizbuch. Legte sich wieder hin und fand keinen Schlaf. Doch auch diese Nacht verging.
Auf dem Parkplatz, auf dem sie ihr Auto immer parkte, waren nur noch wenige Plätze frei. Er wartete auf der gegenüberliegende Straßenseite. Wollte ihr entgegen gehen, wenn sie ihr Auto verlassen hatte.
Nervös sah er auf die Uhr. Hatte er gerade schon gemacht. Eine Minute war vergangen. Weitere zehn vergingen. War etwas geschehen? Warum kam sie nicht.
Im gleichen Augenblick fuhr sie auf den Hof. Er wartete bis sie ausgestiegen war und setzte sich in Bewegung. Sie kam ihm entgegen, und er konnte sehen wie sie lächelte.
Er übersah den LKW. Der Stoß schleuderte ihn zu Boden und er schlug mit dem Kopf auf.
Blut sickerte aus einer Platzwunde.
Das Lächeln in ihrem Gesicht erstarb. Sie rannte die letzten Meter und beugte sich über ihn, strich ihm die Haare zurück. Blut rann ihm aus Ohren und Nase. Er blickte sie an. „Ich bin so froh Dich wieder zu sehen“, flüsterte er. Seine Augen brachen. Hemmungslos schluchzend nahm sie ihn in die Arme. Sie hatte sich für ihn entschieden.