Freitag

Ihm ging es schlecht. Ihm ging es wirklich schlecht. Wie damals. Als die Welt untergegangen war. Für ihn.

Nahezu zwei Jahre hatte er gebraucht, diese, seine Welt wieder zu finden.

Und nun? Das gleiche Spielchen von vorn? Bis über beide Ohren verliebt. Und es kam nichts spürbar zurück, glaubte er jedenfalls.

Er drehte das Radio im Auto lauter. Und er betete, er flehte: „Lieber Gott! Bitte, bitte, bitte mach, dass wir zusammenkommen!“ Eine Stimme in seinem Kopf lachte hämisch: „Du hast doch gar keinen Gott, was willst du denn jetzt!“ „Was machst du dir eigentlich ins Hemd. Es ist doch überhaupt nichts ausgesprochen“.

Ja, stimmte. Er kannte sie seit zwei Wochen. Und er hatte nicht gedacht, daß er so was noch mal erleben könnte. Aber diese Zweifel, die sich im Hinterkopf einschlichen, die die Angst schürten. Die Angst, daß es zu Ende sein könnte, bevor es angefangen hatte.

Wie damals. Damals hatte es ihn fast das Leben gekostet. Was würde es diesmal kosten? „Du bist so bescheuert!“ sagte die Kopfstimme.

Zu Hause angekommen hockte er sich vor den PC. Um sich abzulenken. Er laß alte Eintragungen. Aber die Worte erreichten sein Gehirn nicht.

Wie hungrige Ratten fraß sich die Angst in seine Gedanken, bis sein Verstand aufhörte zu existieren und er nur noch aus Gefühlen bestand.

Sie hatten sich für heute Abend verabredet. Nur ein kurzer Anruf noch, vorher….

Die Sekunden tropften dahin. Wurden zu Minuten, zu Stunden. Dann war der Zeitpunkt da. Bewegungslos starrte er das Telefon an. Er mußte es nur in die Hand nehmen und tippen.

Er mußte es nur in die Hand nehmen und….

Die Kirchenglocken schreckten ihn mit ihrem Getöse aus der Starre. Er nahm den Hörer und seine Finger begannen ein Eigenleben. Tippten Zahlen, ohne das er daran dachte. Und zweimal vertippte er sich auch. Dann endlich ertönte das Freizeichen. Einmal, zweimal, dreimal.

Das Ding in seinem Körper, welches für das Leben an sich zuständig war, krampfte sich zusammen. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen.

Dann ihre Stimme: „Hallo“. „Hallo“, sagte er, „ich bin’s, wie geht’s?“. „Gut“, sagte sie, „und dir?“. Er antwortete irgend etwas, wahrscheinlich sinnloses Zeug. „Ich hab mir gedacht, wenn ich heute abend nicht pünktlich bin, und wir nicht zusammen gehen können, ob wir dann nicht einen Treffpunkt ausmachen“. Er hatte es also doch auf die Reihe gekriegt.

„Ja klar“, meinte sie, „es wäre doch blöd, wenn wir uns gegenseitig suchen würden“

Sie machten einen Punkt aus, an dem der Eine auf den Anderen warten würde.

„OK, dann will ich jetzt mal los. Bis heute Abend“, sagte er, und sie: „Ja, bis heute Abend“. Und: „Ich freu mich schon“.

Sie legten auf.

Das Kribbeln auf seiner Haut hörte nicht auf. Planlos irrte er durch seine Wohnung. Zog sich wohl um, denn als er später im Auto saß, hatte er andere Klamotten an.

Bißchen spät kam er los. Aber gut, er mußte ja auch nicht so gemütlich wie sonst fahren. Kleine Schüppe drauf legen, dann würde es schon reichen zu seinem Termin.

Es wurde eine große Schüppe und deshalb sah er auch den LKW mit den Containern nicht, der trotz roter Ampel in die Kreuzung eingefahren war.

Als Metall auf Metall krachte, hörte das Ding, was für das Leben an sich zuständig war, auf zu schlagen.