Ein Trugschluss

Eines Morgens wachte er auf. War es Samstag, war es Sonntag, keine Ahnung.

Und er wusste: Heute würde er sterben!

Er stand auf. Trat auf einen Schuh. Knickte mit dem Fuß um und schrie auf. Trotz der Schmerzen dachte er: Aha, so fängt es also an.

Irgendwie war der Gedanke ans Sterben schon immer in ihm gewesen. Als Kind hatte er sich immer vorgestellt, wie schrecklich das war. Und er hatte Angst gehabt.

In seiner Jugend hatte er die Scheu davor verloren. Viel darüber in seiner Clique gesprochen.

In späteren Jahren viel darüber gelesen. Und auch am eigenen Leib erfahren, was der Tod bedeutete. Innerhalb von zwei Jahren hatte er vier Familienmitglieder verloren, und anderem seinen Vater. Er hatte nie weinen können. Das kam erst später.

So, nun war er also dran. Warum auch nicht. Ihn hielt hier auf dieser elenden Welt sowieso nichts. Hoffentlich war das Sterben nicht schmerzhaft. Schmerzen mochte er nicht. Selbst bei dem einen Tattoo (ein Herz mit Banner und Namen, man hatte versucht es ihm auszureden) hatte er sich die Stelle mit einer Schmerzsalbe behandeln lassen.

Sein Frühstück bestand aus zwei Tassen Kaffee und zwei Zigaretten. Hatte er sich angewöhnt, seit damals. Nicht dran denken.

Er setzte sich vor seinen PC. Klickte sich ins Internet, las Horoskope. Wie unsinnig. Ließ die gespeicherten Lieder ablaufen. Zum Hunderttausendsten Mal. Wegen der Erinnerungen, die sie in ihm hervorriefen, die schönen und die schmerzhaften.

Doch irgendwo hinten in seinem Kopf, ganz tief, und noch ganz klein war der Gedanke an seinen Tod. Verdrängen konnte er immer schon ganz gut. Bis auf einmal. Das war die Geschichte, die sich immer wieder in seinem Kopf verselbständigte.

Er sah aus dem Fenster. Der Postbote fuhr vor. Stieg aus und warf die Post in den Briefkasten. Wer ihm wohl schrieb. Er war einsam. Hatte die Einsamkeit selbst gewählt. Er ließ den Mann wieder fahren. Holte den Schlüssel und ging zur Tür.

Rutschte auf der Treppe aus und saß auf dem Hosenboden. Aha, so würde das ablaufen. Er würde sich also den Hals brechen. Heute. Plötzlich war der Gedanke an seinen Tod ganz groß und ganz vorn. Verdrängte alles andere.

Wie es wohl wäre. Wirklich ein weißes Licht? Wirklich eine bessere Welt? Oder einfach gar nichts? Er schwankte zwischen einem bißchen Furcht und ganz viel Neugier.

Er nahm die Post. Natürlich. Werbung. Was auch sonst. Eine klitzekleine Nadel aus Traurigkeit stach ihn. Nur noch eine kleine Nadel. Früher waren es jeden Tag tausend Nadelstiche gewesen.

Als er zu seinem PC zurückkehrte, war die kleine Schreibtischlampe ausgefallen. Er schraubte die defekte Birne heraus und …bekam einen Stromschlag. Wenn das den ganzen Tag so weiterging, sollte er sich doch lieber gleich einen Strick nehmen. Aber zum Tod gehörte mehr Mut, als viele glaubten. Vielleicht mehr Mut, als zum Leben. Er schraubte vorsichtig eine neue Glühbirne ein.

Die Zeit schlich vor ihm davon. Kam wieder, umkreiste ihn lauernd. Wie jeden Tag.

Gott sei Dank konnte er von daheim arbeiten. Am PC, online. Er hatte sich eine kleine Existenz aufgebaut.

„Die Zeit heilt alle Wunden“. Wie oft hatte er das gehört. Stimmte ja auch. Teilweise. Aber manchmal riß diese Zeit die Wunden wieder auf. Ließ sie bluten. Damit er ja nicht vergaß.

„Glück in der Liebe, Pech im Spiel“. Hieß das nicht so, oder war’s andersherum? Wie dem auch sein. Danach hätte er jede Woche einen Sechser im Lotto landen müssen.

Er sah auf die Uhr. Die Zeit hatte ihm wieder einmal ein Schnippchen geschlagen. Schon nach Mittag. Immer noch nichts gegessen. Ach ja, war nicht heute ein Turnier in der Halle? Dann konnte er auch da eine Kleinigkeit essen.

Er stand auf. Packte ein was er brauchte: Zigaretten. Sonst nichts. Schloß die Wohnungstür hinter sich und knallte vor seinem Auto voll auf den Rücken. War wohl glatt heute. Langsam fuhr er die Siedlungsstraße entlang, bog auf die Hauptstraße und gab Gas. Wenn’s passiert, passiertes halt, dachte er.

Als er die Sporthalle erreichte, wußte er welcher Tag heute war. Kein Auto, keine Menschenseele. Im Datum vertan! Teilnahmslos kurvte er über den Parkplatz, schlug die Richtung nach Hause ein.

Unterwegs, war ja klar, wechselten plötzlich einige Rehe die Straßenseite. Er bremste. Der Wagen kam ins Schlingern. Er fing ihn jedoch ab. Setzte seine Fahrt fort.

Vor seiner Wohnung stellte er den Wagen ab. Stieg aus und krachte wieder auf den Rücken.

Hatte er einen Spiegel zerbrochen, oder was hatte er angestellt?

Er schlug sich einige Eier in die Pfanne, bereitete sich ein Omelett. Setzte sich vor den Fernseher und aß. Zündete sich eine Zigarette an und wanderte durch seine Drei-Zimmer-Wohnung. Ohne Sinn. 

Es klingelte. Besuch? Wie das? Erwartungsfroh öffnete er die Tür. Seine Vermieterin. Hatte Langeweile. Eigentlich hatte er ja ein gutes Verhältnis zu ihr. Aber doch nicht jetzt, wenn er seinen Gedanken nachhängen wollte. Er ließ sie herein. Sie setzten sich. Er kochte Kaffee.

Ließ sie reden, hörte geistesabwesend zu. Nach der zweiten Tasse hatte sie endlich bemerkt, daß heute mit ihm nicht viel anzufangen war. Sie verabschiedete sich. Er setzte sich wieder vor den Fernseher.

Stand wieder auf und legte eine Videokassette ein. „Sleepy Hollow“. Sah hin, aber sah eigentlich nichts. Schlief einfach ein. Als er erwachte, war es draußen bereits dunkel. Im Zimmer kein Licht. Der Film war zu Ende. Er sah auf die Uhr. Bereits acht.

Wieder hatte er Hunger. Steckte sich statt dessen jedoch eine Zigarette an und trank einen Tee.

Verbrühte sich beim Aufgießen die Hand. Jetzt ist’s aber genug, dachte er. Entweder ganz oder gar nicht.

Wieder schrillte die Haustürklingel. Diesmal sein Bruder, der nach Kassel verzogen war. Er hatte gar nicht gewußt, daß dieser seine Mutter besuchte. Das war auf jeden Fall ein besserer Gesprächspartner als seine Vermieterin. Die Zeit verstrich. Kurz nach 22 Uhr verabschiedete sich sein Bruder. Hatte noch zwei Stunden Fahrt vor sich.

Der Todeskandidat legte sich ins Bett. Morgen war auch noch ein Tag zum Sterben.