Die Geister die ich rief

Es war schon spät, als ich mich aufmachte, meinen Vater zu besuchen. Doch ich hatte es versprochen, sobald ich Gelegenheit dazu hätte, würde ich zu ihm kommen.

Dunkelheit legte sich über die Straßen und die wenigen Laternen spendeten nur begrenztes Licht. Aber ich hatte es versprochen. Doch wollte ich auch eine Gegenleistung für meinen Besuch. Also schritt ich durch das schmiedeeiserne Tor und betrat mit ungutem Gefühl den Friedhof. Ich schalt mich einen Narren, denn die bekannten Gruselgeschichten waren Geschichten, nicht die Wirklichkeit. Dennoch beschlich mich eine merkwürdige Ängstlichkeit.

Vorbei an langen Gräberreihen suchte ich den Platz, wo außer meinem Vater auch andere Familienmitglieder ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Es war schwierig im Dämmerlicht, denn ich war nicht oft hier gewesen in der letzten Zeit. Konnte mich nur anhand eines anderen Grabes orientieren. Hier mußte es irgendwo sein. Richtig, schräg gegenüber war der Stein, ein Findling, mit dem aufgeschlagenen Namen.

Ich stellte mich an die Kopfseite der von Randsteinen umschlossen Grabstelle. „Hier bin ich also, wie ich’s versprochen habe. Ich weiß, ich denke nicht so oft an Euch, aber wenn Ihr wirklich in einer anderen Welt existiert, dann helft mir. Bitte, tut was immer in Eurer Macht steht. Ich bin am Ende“. Ich sprach leise meine Gedanken aus, vielleicht um sie dadurch zu bekräftigen. Vielleicht, damit ich eine Stimme hörte, die mich vergessen ließ, dass ich allein auf einem Friedhof stand. „Ich weiß nicht, ob es ein Reich der Toten gibt. Doch wenn irgendwelche Medien mit Verstorbenen sprechen können, dann kann ich das auch mit Euch. Und wenn es Euch tatsächlich irgendwo gibt, dann wisst Ihr, um was ich Euch bitte“.

Noch einmal bekräftigte ich meine Bitte, wandte mich dann ab und schritt auf den Ausgang zu. Der Weg zum Tor war nicht sehr weit. Dennoch hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, beobachtet zu werden. Ich war heilfroh, als ich die Tür hinter mir ins Schloß fallen hörte.

Auf dem Weg zum Auto zündete ich mir als erstes eine Zigarette an (auf einem Friedhof raucht man nicht, oder?). Erleichtert ließ ich mich hinter das Lenkrad sinken. Warum hat man nur solch ein bedrückendes Gefühl, wenn man einen Friedhof betritt? Und besonders bei Dunkelheit. Ist das nicht ein Hort des Friedens und der Stille?

Die Tage vergingen. Aus den Tagen wurden Wochen. An meiner Situation änderte sich nichts. Der Schmerz, den Nichtbetroffene so profan Liebeskummer nennen, wurde nicht geringer. Und das war es eigentlich, um was ich meine toten Verwandten angefleht hatte. Nämlich mir zu helfen, meine unerreichbare Liebe erreichbar zu machen.

Und allmählich wuchs in mir der irrationale Gedanke, sie hatten mich im Stich gelassen.

War ich schon weit in die Verwirrung getrieben, daß ich tatsächlich gedacht hatte, Tote könnten mir helfen?

Es waren auf den Tag genau vier Wochen vergangen, als ich wiedermal zu Fuß im Ort unterwegs war. Bei dem mittlerweile herrschenden Verkehr war das die beste Möglichkeit.

Und nachdem ich alles Vorgenommene erledigt hatte, führten mich meine Schritte wie automatisch in Richtung Friedhof. Warum auch nicht, ich war früher viel zu wenig am Grab gewesen. Und gekümmert hatten sich immer andere.

Diesmal war es noch hell, und ich fand die Stelle ohne zu suchen. Ich blieb vor den Randsteinen stehen. Die Stätte sah nicht sehr gepflegt aus. Vielleicht sollte ich doch öfter nach dem Rechten sehen. Hin und wieder Blumen bringen.

Und dann sprach ich leise aus, was ich immer wieder gedacht hatte. „Vielen Dank für Eure Hilfe“. Sarkasmus war eine meiner Eigenschaften. Ich blieb noch einen Augenblick stehen.

Dann schritt ich langsam Richtung Ausgang. Vorbei an gepflegten und weniger gepflegten Gräbern. Vorbei an Gräbern mit großen Steinen, auf denen in großen Buchstaben die Namen der Verstorbenen standen. Vorbei an Gräbern, wo nichts auf die hier liegenden hindeutete. Und diesmal war kein ungutes Gefühl in mir, nur Ruhe.

Als ich die Hand nach dem Griff der Pforte ausstreckte, hatte ich plötzlich das Gefühl, jemand stünde hinter mir. Langsam drehte ich mich um. In der nun einsetzenden Dämmerung war niemand zu sehen. Also doch wieder diese anerzogene Ängstlichkeit an diesem Ort. Entschlossen drückte ich die Klinke herunter, als mir jemand auf die Schulter tippte. Erschrocken fuhr ich zusammen. Sah ruckartig hinter mich, um den Übertäter zurechtzuweisen. Doch wieder konnte ich niemanden erblicken. Hastig schloß ich das Tor, nachdem ich den Friedhof verlassen hatte. „Einbildung, alles Einbildung“. Eine innere Stimme mahnte mich zur Vernunft. Mit unsicheren Fingern zündete ich mir im Gehen eine Zigarette an, und war froh, als ich in meinem Volvo saß.

In der Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum. Ich saß mit meiner Mutter auf einer Parkbank auf einer Wiese. Meine unerreichbare Liebe schlenderte von hinten dazu. Setzte sich mit dem Rücken zu uns. Unterhielt sich dann mit meiner Mutter. Meine Mutter erklärte ihr alles von mir und übergab mich ihr. So wie man eine Wohnung oder ein Auto übergibt.

Dann wachte ich auf. Einerseits verwirrt, andererseits mit dem Gedanken, ein Schritt wäre nun vollzogen. Als ich eine Gestalt im Zimmer bemerkte. Vorsichtig, um nicht total zu erschrecken, sah ich in ihre Richtung. Es war mein Vater. So wie ich ihn in Erinnerung hatte.

Er sah mich an, sagte kein Wort. Sah irgendwie traurig aus.

Ich erwachte. Verständnislos sah ich mich im Raum um. Ein Traum in einem Traum. Sollte ich das als Omen deuten? Erst diese, meine, Übergabe, dann mein trauriger Vater. Hatten diese Träume eine tiefere Bedeutung? Oder interpretierte ich in meinem seelischen Tief zuviel hinein? Ich stand auf. Zähneputzen, duschen, Kaffee, Zigarette. Wie jeden Morgen. Dann nahm ich mir das „Kleine Handbuch der Traumdeutung“ aus dem Bücherregal. Doch auch hier waren diese Begebenheiten nicht beschrieben. In einem weiteren kleinen Buch wurde ich dann doch noch fündig. Nach den Deutungen des „Nicephorus“ bedeutete von der Mutter träumen: Glück verheißende Zukunft. Doch nach den Deutungen des „Ibn Sirin“ bedeutete Ahnen oder Vorfahren zu sehen: Warnung vor einem drohenden Übel und Mahnung zur Vorsicht. Sollte ich das nun wirklich ernst nehmen? Der Volksmund sagt auch: Träume sind Schäume. Ich beschloß abzuwarten, was weiterhin geschehen würde.

Die merkwürdigen Träume ließen nicht nach. Jedoch waren es keine „richtigen“ Alpträume, aus denen man schweißgebadet und voller Angst erwachte. Doch in gewisser Weise waren sie unangenehm. Hinterließen einen bitteren Beigeschmack. Und so zögerte ich das Zubettgehen in den nächsten Tagen immer weiter hinaus.

Als ich eines Abends mal wieder auf dem Sofa eingeschlafen war, sah ich plötzlich einen mir unbekannten Mann durch die Balkontür hereinkommen. Er trug ein großes Messer in der Hand (früher hatten wir „Fahrtenmesser“ dazu gesagt). Angst beschlich mich, doch konnte ich mich nicht rühren. Langsam kam er näher, lautlos. Vor der Sitzgruppe blieb er stehen. Betrachtete mich mit unbewegtem Gesicht und legte dann das Messer auf den Couchtisch.

Ruckartig fuhr ich hoch. Hatte mich aus meiner Starre lösen können. Niemand da. Mein Blick schweifte durch den Raum, blieb an dem, auf dem Tisch liegenden Messer, hängen. Wie ein Stromschlag durchzuckte es mich. Konnte meine Augen nicht abwenden. Wie lange ich so dalag und das Messer anstarrte weiß ich nicht mehr. Irgendwann stand ich vorsichtig auf. Noch immer den geheimnisvollen Gegenstand im Auge. Begab mich zur Balkontür. Sie war abgeschlossen. Ich öffnete sie, trat heraus in die Nachtluft. Mit zitternden Fingern drehte ich mir eine Zigarette und rauchte gierig. Als ich zurückkehrte in den Wohnraum durchfuhr mich ein erneuter Schrecken. Das Messer lag nicht mehr auf dem Tisch.

In der Küche bereitete ich mir eine Kanne starken Kaffee. Mit Kanne und Tasse bewaffnet setzte ich mich an den Eßzimmertisch. Also, dachte ich nach, die Balkontür war abgeschlossen. Es hatte also niemand hereinkommen können. Das Messer hatte nach der Zigarette nicht mehr auf dem Tisch gelegen. Also hatte vorher auch keines dort gelegen. Alles nur ein Traum!? Ein Wachtraum!?

Schon nach einer Tasse Kaffee hatte ich keinen Appetit mehr auf eine weitere. Trotz der offensichtlichen Ungereimtheiten war ich todmüde. Und nach der Abendtoilette begab ich mich zu Bett. Ich hatte mich kaum umgedreht, als ich einschlief.

Am nächsten Morgen sah die Sache schon nicht mehr so unheimlich aus. Nach einem kargen Frühstück, ich nahm morgens selten etwas aus Kaffee und Zigaretten (ja, ja, das war nicht richtig) zu mir. Setzte mich mit der noch halbgefüllten Tasse an den PC, suchte im Internet Seiten über Träume und deren angebliche Bedeutungen. Irgendwie war ich jedoch unkonzentriert und nicht bei der Sache, so daß ich schon bald das Interesse verlor. Das passierte mir in der letzten Zeit häufig. In der einen Sekunde tatendurstig, in der anderen völlig ohne Antrieb. Unruhig lief ich in der Wohnung herum, ohne etwas zu suchen, geschweige denn zu finden. Als zog ich mir eine dicke Jacke an und schwang mich draußen auf mein Fahrrad, um den Kopf frei zu bekommen. In Gedanken radelte ich durch die Gegend und merkte nicht, wie die Zeit verging. Als ich rein zufällig auf meine Armbanduhr sah, wurde es höchste Eisenbahn. Heute Nachmittag wollte ein Kunde im Büro vorbeischauen. Der Termin dauerte bis in den späten Abend.

Bei einem guten Glas Rotwein zappte ich das Fernsehprogramm rauf und runter. Wie immer nichts, was mich sonderlich interessierte. Frustriert schaltete ich den Apparat aus. Nahm mir ein gutes Buch zur Hand und setzte mich in den alten Lesesessel. Als ich nach geraumer Zeit die Lektüre aus der Hand legte, war wieder ein Tag vorbei. Wieder ein Tag, den ich ohne sie verbracht hatte. Wieder ein Tag, der verschenkt war, weil sie nicht bei mir war. Und ich erkannte erschrocken, wie wenig ich an diesem Tag an sie gedacht hatte.

In der darauffolgenden Nacht hatte ich wieder einen dieser seltsamen Träume. Und wieder konnte ich mich an diverse Details erinnern. Wohingegen ich, wenn ich nicht diese Träume hatte, nicht einmal sagen konnte, ob ich überhaupt geträumt hatte.

Ich befand mich in einer Apotheke. Der Apotheker überreichte mir gerade ein starkes Beruhigungsmittel mit den Worten: “Das ist eigentlich verschreibungspflichtig (warum gab er es mir dann überhaupt). Und bitte nur eine halbe Tablette pro Nacht einnehmen“. Die Schachtel beinhaltete zwanzig dieser Pillen. Ich steckte sie in die Jackentasche und verließ den Laden. Der Traum war nur kurz, aber sehr intensiv. Und als ich erwachte, wußte ich im ersten Augenblick nicht, wo ich mich befand.

Nach dem morgendlichen Ritual (Dusche, Kaffee, Zigarette) warf ich einen Blick in den Notizblock. Der wöchentliche Einkauf stand heute an. Eine lästige Pflicht. Ich zog mich also an. Steckte ein was ich brauchte und erstarrte. In meiner Jackentasche ertastete ich eine Schachtel. Als ich sie heraus kramte, entpuppte sie sich als die Medikamentenschachtel, die ich in meinem Traum erhalten hatte. Völlig geplättet ließ ich mich auf einen Stuhl fallen. Nach Einkaufen war mir nicht mehr zumute. Ich öffnete die Verpackung. Der Inhalt war noch nicht angerührt. Alle zwanzig Tabletten waren noch vorhanden.

Ich ließ die letzten Tage Revue passieren. Nein! Ich war in keiner Apotheke gewesen. Und wenn auch, wenn es stimmte, daß diese Pillen rezeptpflichtig waren, hätte ich sie sowieso nicht bekommen.

Langsam bekam das rationelle Denken wieder die Oberhand. Ich mußte erst einmal die Einkäufe tätigen. Besser jetzt, als nachher wieder dieses endlose Schlangestehen an der Kasse.

Und mit den Tabletten konnte ich mich dann nachher besser in Ruhe befassen.

Nach gut zwei Stunden war alles erledigt, und ich trug die Lebensmittel in meine Wohnung.

Mein Blick streifte die Kommode in der Diele. Ich hatte die Schachtel doch dort abgelegt. Sie war nicht mehr da. Verwirrt sortierte ich die Lebensmittel ein. Dann stellte ich die ganze Wohnung auf den Kopf. Die Tabletten blieben verschwunden. Wie vor einigen Tagen das Messer. War ich durch meine depressiven Phasen nicht mehr ganz klar im Kopf? Ich konnte mir das doch nicht alles nur einbilden.

Am nächsten Tag führte mich mein Weg wieder am Friedhof vorbei. Ich überlegte kurz und kaufte im nahen Blumenladen einen Strauß meiner Lieblingsblumen, blaue Rosen. Ich entfernte die schon welk geworden anderen Blumen aus einer Vase auf dem Grab und stellte meinen Strauß hinein. „Ihr habt mir zwar nicht geholfen“, dachte ich an meine verstorbenen Vorfahren, „aber ich hab mich ja auch jahrelang nicht um euch und euer Grab gekümmert“. Ich nahm mir vor, nun öfter nach dem Rechten zu sehen, und die Grabstelle so gut wie möglich in Ordnung zu halten. Dann verließ ich das Gelände und erledigte meine Termine.

Als ich zum Parkplatz zurückkehrte und in mein Fahrzeug einstieg, erwartete mich der nächste Schock. Auf dem Beifahrersitz lang eine Pistole. Ich wußte genau, daß ich den Wagen abgeschlossen hatte, ich hatte die Tür ja gerade erst aufgeschlossen. Mit zitternden Fingern nahm ich Pistole und betrachtete sie. Dann wickelte ich sie sorgfältig in eine Jutetasche, aus der ich einige Papiere nahm, die ich für einen Besuch gebraucht hatte. Dann legte ich alles zurück auf den Sitz. Ich zermarterte mir den Kopf, wer mir die Waffe ins Auto gelegt haben könnte. Ohne eine Tür aufzubrechen. Um auf anderen Gedanken zu kommen, nahm ich nicht die Hauptstraße, sondern befuhr eine Nebenstraße. Was ich allerdings nicht bedacht hatte, war der kleine Seitenweg, indem ich damals einmal mit ihr einige Zeit im Auto sitzend verbracht hatte. Unwillkürlich hielt ich an, stieg aus und steckte mir eine Zigarette an. Dann wanderte ich den kleinen Weg auf und ab, bis die Zigarettenglut mir die Finger verbrannte. Erschrocken warf ich sie in den Sand und trat sie aus. Langsam schritt ich zurück zu meinem Fahrzeug und setzte mich hinter das Lenkrad. Ich vermied es, zum Beifahrersitz hinüber zu sehen. Ich startete und fuhr auf direktem Weg zu meiner Wohnung.

Auf dem Hof angekommen, packte ich meine Sachen zusammen und nahm auch die Jutetasche an mich. Sie war leer. Zumindest fühlte ich keinen Inhalt. Ich schüttelte die Tasche und tatsächlich fiel nichts heraus. Ich lehnte mich an die Wagentür und holte tief Luft. Ich brauchte dringend einen Termin bei einem Psychologen.

In meinen Vierwänden angekommen, schaltete ich als erstes den PC ein und startete das Telefonbuchprogramm. Ich ließ mir alle Psychologen in der Umgebung anzeigen. Dann begann ich mit den Anrufen. Aber es stellte sich heraus, daß es sehr schwierig war, in der nächsten Zeit einen Termin zu bekommen. Alle die ich bis jetzt erreicht hatte, waren „ausgebucht“. Aber ich wollte auch nicht zwei, drei Monate warten. Eine kleine Pause einlegend, verließ ich mein Arbeitszimmer und begab mich ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein und legte mich auf die Couch. Nach kurzer Zeit war ich eingeschlafen. Das TV-Programm erwies sich doch immer wieder als gute Einschlafhilfe.

Als ich erwachte, war es draußen bereits dunkel. Auch im Raum war es finster. Ich stand auf, machte jedoch kein Licht und wollte auf dem Balkon eine Zigarette rauchen, als ich hinter der Glastür zur Terrasse milchige Schwaden erblickte. Woher sollte der Nebel denn nur kommen, und daß an diesem geschützten Platz? Ich öffnete die Tür und trat hinaus in kühle, klare Nachtluft. Kein Anzeichen von Nebel.

Hatte mir meine Phantasie wiederum einen Streich gespielt? Ich rauchte hastig. Als ich die Tür anschließend hinter mir schloß, erblickte ich wieder diese wabernden Nebel. Doch diesmal erschien es mir, als wenn sich in diesem Nebel Gestalten bewegten. Vorsichtig öffnete ich die Tür erneut. Und wieder sah ich die klare Nacht. Ich warf die Türe zu, daß die Scheibe in ihrem Rahmen schepperte. Dann legte ich die Hände als Sichtschutz neben mein Gesicht und starrte, die Nase an das Glas gedrückt, hindurch. Plötzlich bemerkte ich einen leichten Sog, so als wenn ein Staubsauger auf kleinster Stufe lief. Ich zog den Kopf ein wenig zurück. Der Sog wurde stärker. Und ehe ich reagieren konnte, preßte er mich an die Glasscheibe, zog ich mich hindurch. Die Scheibe blieb jedoch heil und auf der anderen Seite stand ich dann in diesem milchigen Nebel. Eine Person trat auf mich zu. Als ich genauer hinsah, erkannte ich meinen Vater. So, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Er war damals, vor fünfunddreißig Jahren mit siebenunddreißig gestorben. Wäre als jetzt im Greisenalter. Er sah mich kurz an und umarmte mich dann. Ich wehrte mich nicht, obwohl ich ein seltsames Gefühl nicht unterdrücken konnte.

„Du hast uns um Hilfe gebeten“, begann er, „und wir haben sie dir gewährt. Nur du hast sie nicht erkannt“. „Es gibt keine Möglichkeit für uns, dir eine Liebe zu beschaffen, die keine ist. Und darum wollten wir dir auf die andere Weise helfen“, fuhr er fort. „Du hast es bereits einmal allein versucht“. Ich verstand noch immer nicht, was er mir sagen wollte und so erzählte er weiter: „Zuerst haben wir dir ein Messer bereitgelegt. Du hast es nicht benutzt und wir dachten, daß ist nicht das Richtige. Dann haben wir dir die Tabletten zugesteckt. Auch die hast du nicht genommen. Und zum Schluß die Pistole. Da dachten wir schon, es wäre so weit, als du an einer Stelle deiner Erinnerung gehalten hast. Doch auch diese Gelegenheit hast du verstreichen lassen. Wir glaubten bereits, du wärest noch nicht soweit. So haben wir zur letzten Möglichkeit gegriffen, um dich in unsere Welt zu holen. Und als du dich nicht dagegen gewehrt hast, haben wir dich herübergezogen“. So war das also alles gewesen. Die ganzen Sachen waren als Hilfen angedacht gewesen. Und ich hatte es nicht erkannt. Vielleicht war ich auch wirklich noch nicht bereit gewesen. Fragend sah ich meinen Vater an: „Und nun?“ „Schon Morgen wirst du dein Leben vergessen haben“, antwortete dieser, „bis dich jemand von außen wieder daran erinnert“.