Die Brücke

Da stand er also auf der einsamen Brücke. Keine Seele weit und breit. Warum war sie eigentlich gebaut worden, reine Geldverschwendung.
Stand da, das Geländer fest umklammert, und wartete, daß endlich der Mut groß genug wurde. Er stand schon eine ganze Weile so.
Gedanken schwirrten durch seinen Kopf. Aber konnte sie nie lange festhalten. War der Aufprall schmerzhaft, wie war der Flug. Wie vom Fünfmeterturm? Was war, wenn er sich alle Knochen brach? Vor Schmerzen schreiend da unten lag? Und niemand da war.
Das Problem war, wenn man sich vornahm zu sterben, es ganz schön schwer war. So im Vorbeigehen wäre es sicher einfacher. Einfach über die Brücke gehen, ohne zu denken und dann mit einem Satz über das Geländer in die Tiefe. Die Möglichkeit war jetzt vorbei. Zu spät. Jetzt stand er hier und wartete.
Ja, er war ein guter Schauspieler. Hatte allen vorgemacht, daß so was nie, nie passieren könne. Plötzlich war ihm bewußt, daß er sich nur noch mit einer Hand festhielt. Hastig nahm er auch die Zweite wieder zu Hilfe. Wollte er doch nicht springen? So schwer hatte er es sich nicht vorgestellt.
Was war, wenn sich die ganze Situation entscheidend ändern würde? Gut, eigentlich war das dann auch egal. Er würde es nicht mehr mitbekommen. Aber jetzt, in diesem Augenblick, zögerte er.
Sein Handy klingelte. Verdammt. Vorsichtig kletterte er wieder über das Geländer, zurück auf die Brücke. Warum wollte er das Gespräch annehmen? Vielleicht…? Es war sein Sohn. „Wo bist Du, kannst Du mich abholen?“ Die Realität hatte ihn eingeholt. „Wo stehst Du denn?“ frage er zurück. „Alte Post“. „Ne, das dauert zu lange, ruf Opa an, vielleicht hat der Zeit“. Wortlos beendete sein Sohn das Gespräch.
Plötzlich eine Stimme hinter ihm: “Tu es nicht“. Er drehte sich um. Niemand da. Er lehnte sich an die Brüstung und sah hinunter. Der Mut war noch immer nicht gekommen.
Wie hatte mal jemand gesagt: Jeder ist für sich selbst verantwortlich und wenn er sich für seinen Tod entscheidet, so ist das ganz allein seine Sache. Aber es muss eine Entscheidung sein. Nicht nur so im Vorbeigehen. Aber diese Entscheidung fiel verdammt schwer.
Er kletterte wieder hinüber. Was hielt ihn denn nun tatsächlich davon ab zu springen. Die Hoffnung, oder die Angst?
Und dann kamen diese verfluchten Gedanken. Er würde nie mehr vor dem PC sitzen. Er würde nie wieder seine Musik hören. Er würde nie wieder…
Wieder bemerkte er, daß er sich nur noch mit einer Hand festhielt. Aber anstatt nun auch die Andere wegzunehmen, griff er wieder fester zu. So hatte das keinen Zweck. Überwand das Geländer erneut. Setzte sich auf den kalten Asphalt, stütze den Kopf in die Hände.
Mein Gott, was war nur aus ihm geworden. Noch vor einem halben Jahr war die Welt noch in Ordnung. Na ja, nicht ganz. Aber immerhin einigermaßen annehmbar. Und nun? Nun stand, saß er hier auf der Brücke und wollte springen. Wollte er wirklich? Oder wartete er auf jemanden, der ihn davor zurückhielt? Irgendein Spaziergänger, ein Fahrradfahrer.
In der Ferne sah er die Autobahn, die sich wie eine Schlange durch die Natur zog. Vielleicht sollte er nicht springen. Sich ins Auto setzen, voll tanken, und dann fahren, bis der Sprit ausging. Und dann? Vor den Problemen konnte er nicht davonlaufen, sich nicht verstecken. Sie holten ihn ein, egal wo er war. Sie waren in seinem Kopf.
Sie waren in seinem Kopf. Manchmal ganz klein. Irgendwo ganz hinten, nicht zu fassen. Dann mit der Zeit wurden sie größer. Bis sie alles ausfüllten. Bis ihm fast der Schädel platzte. Oder vielmehr sein Herz. Ja, genau das war es. Die Probleme waren nicht nur in seinem Kopf. Sie waren in seinem Herzen. Den Kopf (die Gedanken) konnte man abstellen. Das Herz nicht.
Weit hinter sich hörte er ein Geräusch. Ein Fahrzeug näherte sich. Ein Traktor. Er stand auf. Sein Hintern war völlig durch gefroren. Er machte zwei, drei Schritte. Und sprang über das Geländer in die Tiefe.