Das Problem

Er schloß die Tür auf und trat in den Flur.
Viel Arbeit gehabt im Büro. Hatte kaum gemerkt wie die Zeit verging und daher gar nicht an DAS PROBLEM gedacht.
Doch schon auf dem Weg nach Hause, im Auto, verfiel er ins Grübeln. Sie hatten eine schwere Krise in ihrer Beziehung. Sie hatte gesagt, sie möchte im Moment keine Nähe und sie würde im Moment nicht so für ihn empfinden, wie er für sie. Und sie wüßte nicht, wie lange das andauern würde. Er müsse ihr Zeit lassen. Seid knapp einer Woche dauerte dieser Zustand nun schon.
Er verschloß die Tür hinter sich, hängte seine Jacke an die Garderobe und trat in die Küche.
„Hi“, sagte sie und sah ihn an. Er trat auf sie zu und sie gab ihm einen flüchtigen Kuß. Er nahm sie in den Arm. Doch sie erwiderte diese Umarmung nicht.
Er ließ sie los und sagt: „Wir müssen reden“. „Nicht schon wieder“, antwortete sie. Sie wirkte unwirsch. „Ok, wenn die Kleine im Bett ist“.
Was sollte er tun bis dahin. Die Stimmung war gereizt. Drei Stunden warten. Er konnte nicht lesen, darüber hatte sie sich beschwert. „Du kannst doch nicht drei dicke Bücher hintereinander lesen, und so tun als wenn’s nichts anderes zu tun gäbe“. Er konnte nicht an den Rechner. „Ewig und drei Tage sitzt du vor dem Computer“. Also, was sollte er tun.
Mit einem großen Stein im Magen lief er von Zimmer zu Zimmer, täuschte Beschäftigung vor. Stellt doch den Rechner an, ging in den Garten. Kam zurück in die Küche, las in einer Zeitschrift. Die Zeit kroch dahin. Und diese Nichtbeachtung durch seine Frau war das mieseste Gefühl, das er je erlebt hatte.
Nach dem gemeinsamen Abendessen, bei dem nur die Kleine drauflos plapperte, er ganz schwieg und sie nur sprach, um ihre Tochter zurechtzuweisen, blieb er sitzen und schlug das Buch auf, in dem er vor Tagen begonnen hatte zu lesen.
Sie stellte den Fernseher an und setzte sich mit der Kleinen davor. Dies Ritual hatte sich mittlerweile eingespielt. Als die Serie beendet war, war Bettzeit für das Kind angesagt.
Und nach kurzer Zeit kam sie zurück, ging am Tisch vorbei ins Wohnzimmer und sagte beiläufig: „Wollen wir jetzt reden?“
Er schlug das Buch zu, stand auf, ging ebenfalls ins Wohnzimmer. Sie saß angespannt auf dem Sofa, einen Arm hinter dem Kopf verschränkt, ein Bein auf dem Sitz untergeschlagen.
Er setzte sich in einigem Abstand ebenfalls auf die Couch und sah sie an.
„Und nun“, fragte sie. Er nahm all seinen Mut zusammen. Er wollte eine Entscheidung. „Weißt du eigentlich wie schwer das ist, mit dir hier unter einem Dach zu leben, dich nicht streicheln zu dürfen, dich nicht in den Arm nehmen zu dürfen, dich nicht küssen zu dürfen? Ich hab das schon mal mitgemacht, drei Monate. Und ich geh dabei vor die Hunde“.
Sie sah in an, sagte nichts.
„Ich hab mir überlegt“, fuhr er fort, „entweder ganz oder gar nicht. Entweder wir sind zusammen oder nicht, entweder du liebst mich oder nicht. Ein bißchen zusammen sein, mich ein bißchen lieben, das geht nicht. Ein bißchen schwanger, das geht ja auch nicht. Du mußt dich entscheiden. JETZT!“
Sie sah aus, als wolle sie anfangen zu weinen. Mit zittriger Stimme sagte sie: „Ich weiß es nicht“. „Also nein“, schloß er, „dann schlaf ich heute im Wohnzimmer und morgen früh bin ich weg. Und ich werde nicht zurückkommen.“
Er stand auf und verließ den Raum. Völlig durcheinander fand er sich auf der Holzveranda wieder. Er setzte sich in einen der Stühle und stütze den Kopf in die Hände.
Wozu das ganze Jahr? Sie hatten soviel zusammen gemacht. Die Wohnung auf Vordermann gebracht, den Garten. Waren zusammen in den verschiedensten Baumärkten. Und überhaupt war er immer gern mit ihr Einkaufen gewesen.
Hatten zusammen gekuschelt, hatten zusammen die halbe Nacht am Computer verbracht. Und sie hatte ihm oft gesagt, daß sie ihn liebte. Wenn auch erst nach einiger Zeit, wenn auch in der letzten Zeit nicht mehr.
Tränen stiegen ihm in die Augen. Wozu das alles? Warum geriet er immer an die falschen Frauen?
Die Tür öffnet sich und sie trat hinaus um zu rauchen (in der Wohnung wurde nicht geraucht).
Schweigend saßen sie da, bis sie ihre Zigarette ausdrückte. Sie stand auf und ging, ohne ihn anzusehen, zurück in die Wohnung. Es war vorbei.
Er fühlte sich elend. Stand auf um in den Garten zu gehen. Nur um irgend etwas zu tun. Ging bis ans andere Ende, an dem sich ein Steinbeet befand. Auf der anderen Seite des Zaunes, der das Beet begrenzte wurde ein neues Haus gebaut. Der aufgebaute Kran schwankte ein wenig im Wind. Die wie immer hoch aufgehängte Kreissäge schaukelte.
Er sah hinauf. Hatte sich immer mal gefragt, wie weit der Ausleger in ihren Garten ragte. Und sie hatte recht, als sie damals sagte, es wäre nicht sehr weit, höchstens bis über das Steinbeet.
Er senkte den Blick und starrte auf die Erdbeerpflanzen, die sie gemeinsam gepflanzt hatten. Wieder überkam in das Gefühl, einen Stein im Magen zu haben, einen Kloß im Hals. Und dann kamen die Tränen.
Wieder quietschte der Ausleger geräuschvoll.
Er sah nicht, das sich die große Kreissäge löste und herab sauste. Er spürte auch nicht mehr, wie sie ihn unter sich begrub.